Den Rauriser Literaturpreis 2009 für die beste deutschsprachige Prosa-Erstveröffentlichung (7.500,– Euro), vergeben von der Salzburger Landesregierung, geht an Julya
Rabinowich für ihren Roman „spaltkopf“ (edition exil).

Begründung der Jury (Ina Hartwig, Frankfurter Rundschau; Bettina Spoerri, Neue Zürcher Zeitung; Tomas Friedmann, Literaturhaus Salzburg): „Rabinowich beschreibt auf 180 Seiten die Geschichte einer Ende der 1970er Jahre aus der UdSSR nach Österreich auswandernden russisch-jüdischen Familie. Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin Mischka, die zwischen der Gegenwart im Westen und der Vergangenheit im Osten gespalten ist. In der Metaphorik des Titels ,spaltkopf‘ und in deren motivischer Durchführung kommt dieser Identitätskonflikt beeindruckend zur Sprache. Die 1970 in St. Petersburg in der damaligen Sowjetunion geborene, seit 1977 in Wien lebende Schriftstellerin überzeugt die Jury durch ihre leidenschaftliche, unerbittliche Darstellung des zarten Innenlebens von Mischka sowie ihres gnadenlosen Blicks, den sie auf sich und ihre zerrissene Familie wirft.

Nicht zuletzt besticht die Autorin durch Sinn für Groteske und Tragikomik. Julya Rabinowich überrascht mit ihrem mutigen Text in einem innovativen Wiener Kleinverlag, der sich auf die Vermittlung
von transnationaler Literatur spezialisiert hat.“

Laudatio: Bettina Spoerri




Preisträgerin. Julya Rabinowich erhält für ihr bemerkenswertes Debüt „Spaltkopf“ den Rauriser Literaturpreis.
anton thuswaldner SALZBURG (SN). Die Literatur verändert sich von den Rändern her. Es bedarf einer Autorin wie Julya Rabinowich, 1970 in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) geboren und seit 1977 in Wien lebend, die der deutschen Sprache einen erfrischend neuen Klang abgewinnt. Sie musste sich die deutsche Sprache aneignen, nachdem sie im Exil angekommen war und sich gezwungen sah, sich vom Russischen als ihrem eigentlichen Idiom zu verabschieden.
Aber wie soll das gehen, wenn sich ihre Vergangenheit nicht abschütteln lässt und sich die Familie ständig einmischt? Die Sowjetunion sitzt dieser Autorin in den Knochen, die Herkunft drängt sich stets aufdringlich in den Vordergrund. Die eigene Lebensgeschichte wird für Julya Rabinowich zum Stoff, der dringend der Bearbeitung bedarf. Zuerst muss sie sich ihrer Geschichte stellen, bevor sie an etwas anderes denken darf.
In ihrem Romandebüt „Spaltkopf“ (edition exil), für den sie den diesjährigen Rauriser Literaturpreis für das beste Prosadebüt des Jahres 2008 erhält, erzählt Rabinowich aus der Perspektive eines Mädchens, was es bedeutet, sich eine neue Identität zu verschaffen. Das erklärt diesen heftigen, trotzigen Ton der Selbstbehauptung, in dem der Text verfasst ist. Ein „Ich“ ist dabei, sich zu definieren und tut das, indem es sich heftig absetzt von Zuschreibungen aus der Vergangenheit.
Dieses Ich kennt keine Ausgewogenheit. Es setzt auf das Prinzip der Verknappung, die Autorin schreibt kurze Sätze, in denen ganze Dramen der Neugestaltung einer Persönlichkeit geborgen sind: „Was mein Vater nicht schafft, bewirkt der Anblick einer Barbiepuppe, in fünf Minuten. Ich bin vom Westen überzeugt. Ich soll es lang bleiben.“
Der Roman ist keine Autobiografie, er ist aber ohne die Erfahrungen des Exils nicht vorstellbar.
Die Erzählerin vermag es nicht als Bereicherung zu verstehen, in zwei Kulturen beheimatet zu sein. Sie lebt in der einen, die andere lebt in ihr. Beide beanspruchen ihr Recht, lebendig zu sein in ihrem Bewusstsein. Der Kampf um Vorherrschaft macht sich in Geschichten, Erinnerungen und Begegnungen bemerkbar. So flüchtet sich dieses Ich in Episoden, die allesamt von der Zerrissenheit der Persönlichkeit zeugen. Diese ist in der einen Welt noch nicht ganz angekommen, weil sie die andere noch nicht verlassen hat. Ein Kampf der Kulturen findet statt, mitten in einem jungen Menschen, der sich gegen eine Familie zur Wehr setzen muss, die von Assimilation nichts hält. „Unsere Wohnung wirkt wie aus St. Petersburg geschnitten, und meine Familie besteht stolz darauf, all ihre russischen Eigenheiten zu bewahren. Wie ein bolschewistisches Bollwerk trotzen sie den Spielregeln der Neuen Welt, ohne auf meine Dolmetschdienste und Orientierungshilfen verzichten zu können.“
Julya Rabinowich hat mit kürzeren Prosatexten und Theaterarbeiten schon Aufmerksamkeit erregt und sucht sich auch als bildende Künstlerin zu etablieren. Als Schriftstellerin ist ihr noch einiges zuzutrauen.
Kultur / 06.02.2009 06.02.2009 / Printausgabe der Salzbuger Nachrichten




APA0052 5 KI 0630                                     Mo, 03.Nov 2008
Literatur/Neuerscheinung/Österreich/Rezension
 Gegen den "Spaltkopf": Gelungenes Romandebüt von Julya Rabinowich
 Utl.: Tragikomische, betroffen machende Familiengeschichte zwischen Entwurzelung und Neuanfang - Aus der Sowjetunion der 70er in das Wien von heute (Von Wolfgang Huber-Lang/APA) =
   Wien (APA) - Von Radek Knapp bis Dimitre Dinev - die österreichische Literatur ist in den vergangenen Jahren durch den Hinzugewinn neuer Stimmen aus dem europäischen Osten reicher geworden. Mit Julya Rabinowich, 1970 in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, geboren und seit 1977 in Wien lebend, ist nun ein Neuzugang zu vermelden. Wie ihre Kollegen auch, schöpft sie zunächst einmal aus dem Abenteuer des eigenen Lebens, aus Kulturschock, Entwurzelung und Neubeginn. "Ich wollte eine Nixe sein. Es ist sich aber nur eine Baba Yaga ausgegangen", heißt es in ihrem in der edition exil erschienenen Romandebüt "Spaltkopf", aus dem die Autorin heute, Montag, Abend im Wiener RadioKulturhaus liest.
   Die Baba Yaga, die russische Version der bösen Hexe, ist dem westlichen Kulturkonsumenten möglicherweise aus den "Bildern einer Ausstellung" Modest Mussorgskis bekannt. Der titelgebende Spaltkopf aber war hierzulande noch nicht im Repertoire kindlicher Angstträume. "Ist die russische Hexe im Märchen manchmal auch gut und hilfsbereit, so kann man das vom Spaltkopf nicht behaupten", heißt es schon bald, und ein solcher Fiesling lässt sich gut als Drohung gegen vorwitzige Kinder verwenden, die nicht einschlafen wollen: "Sonst kommt der Spaltkopf. Er ist schon bald da. Wenn ihr nicht unter der Decke verschwindet, dann schwebt er über euch und frisst eure Gedanken."
   "Spaltkopf", der mit einer Buchprämie des Kulturministeriums ausgezeichnete Roman-Erstling der bisher vor allem als Dramatikerin hervorgetretenen Autorin, ist eine Geisterbeschwörung, die manchmal traurig, manchmal komisch, bisweilen verzweifelt, an anderer Stelle trotzig, stets aber wahrhaftig wirkt. Er ist ein Stück Familiengeschichte, das festzuhalten notwendig ist, um den Blick freizubekommen für das Zukünftige, er ist Auseinandersetzung mit der eigenen Gespaltenheit und ein Versuch, die Hälften so gut es geht wieder zusammenzufügen. Beschönigt wird dabei nichts. "Das Russland der Siebzigerjahre hält viel von schwarzer Pädagogik", heißt es, als die Autorin eine väterliche Strafe gegen kindliche Revolten vorwegnimmt, und schwenkt im nächsten Satz zu den Auseinandersetzungen, die ihre nonkonformistischen Künstler-Eltern selbst mit der Obrigkeit zu führen hatten: "Viel von schwarzer Pädagogik hält auch die Innenpolitik der Regierung."
   Zwischen grotesk, gespenstisch und tragikomisch schwanken die Anekdoten rund um die Ausreisebewilligung der Familie, als Rabinowich erzählt, wie sie durch die Eltern ihres ersten Freundes erfahren muss, als Mitglied einer jüdischen Familie mit einem Makel behaftet zu sein, ist aber Schluss mit lustig. Nüchtern schildert Rabinowich die Versuche der Eltern, in der Emigration, die in einem Zimmer eines übel beleumundeten Wiener Hotels beginnt, eine heimatliche Enklave zu bewahren, während die jugendliche Tochter bei ihren Versuchen, auch kulturell Anschluss in der neuen Heimat zu finden, als Vaterlandsverräterin behandelt wird.
   Im Wechsel der Erzählstimmen wird einerseits das Schicksal der Familie beschrieben, andererseits das eigene Erwachsenwerden, das an sich schon keine einfache Sache darstellt und angesichts der Umstände zur besonderen Herausforderung wird. Der Vater kehrt von einem Heimatbesuch nicht wieder, seinem Begräbnis - noch steht der Eiserne Vorhang - kann nur der zu Hause verbliebene Teil der Familie beiwohnen. Am Ende kehrt auch die Ich-Erzählerin, mittlerweile selbst Mutter einer Tochter, für einen Besuch nach St. Petersburg zurück.
   Die fulminante Szene des Willkommensfestes, bei dem sich die Heimkehrerin, umringt und geherzt von einer Menge fremd gewordener Verwandter, hoffnungslos am liebevoll zubereiteten Büfett überfuttert, erinnert stark an Marjane Satrapis Comic-Autobiografie "Persepolis", in der diese ihr Aufwachsen in Wien und ihre vorübergehende Rückkehr in den heimatlichen Iran geschildert hatte. So sehen die Lebensgeschichten von heute aus - und es ist gut, dass sie derart eindrucksvoll und unsentimental erzählt werden.
 
    (S E R V I C E - Julya Rabinowich: "Spaltkopf", edition exil, 188 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-901899-33-1)
 (Schluss) whl/ley


Die Welt ist vergänglich, die Familie nicht
„Spaltkopf“: Julya Rabinowichs beeindruckender Erstlingsroman

Julya Rabinowich wurde 1970 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren. Seit 1977 lebt die Schriftstellerin, die bislang vor allem als Theaterautorin reussierte, in Wien. „Spaltkopf“ heißt ihr erster Roman. Die Hauptfigur, eine Immigrantin aus Russland, ist an Lebensjahren so alt wie die Autorin und hat einen ähnlichen Hintergrund. Ob jedoch Rabinowichs poetische, aus mehreren Perspektiven, wenn auch meist aus jener der jugendlichen Heldin Mischka geschriebene Geschichte einer russisch-jüdischen Familie, die in den Siebzigerjahren in den Westen aufbricht, doch statt in die USA oder nach Israel zu emigrieren, in Wien hängen bleibt, nun „autobiographisch“ ist oder nicht, wird angesichts der Sprachgewalt der Autorin und ihrer kunstvollen Vermengung realistischer Darstellungen mit imaginierten Rückblenden zu einer Nebensächlichkeit. Die eigentliche Authentizität wird in der Plastizität der Figurenzeichnungen und deren glaubwürdig dargestellten inneren Zerissenheit deutlich. „Die Welt ist rund. Wenn man einmal losgeht, kann man nicht mehr innehalten“, heißt es. Die Eltern erklären dem siebenjährigen Mädchen, sie befänden sich auf einer Urlaubsfahrt Richtung Litauen. Doch das Flugzeug landet in Wien, es gibt keinen Weg zurück, und die kleine Mischka wird auch Jahre später immer noch unterwegs sein und sich nach der „schönen alten Welt der Schildkröten und Elefanten, die die Weltenscheibe stützten“ sehnen. „Ich bin ein bulimisches Perpetuum Mobile“, erklärt sie, „schubweise geplagt von Einverleibenwollen und Nichtbehaltenkönnen. Kurzum: ich habe mich angepasst. Die Welt ist rund.“ Die Gemeinschaftswohnung, in der Mischka ihre ersten Lebensjahre verbringt, ist eine sowjetische Welt im Kleinen. Sie ist vom Mangel an Privatsphäre, Streitigkeiten, Angst, Paranoia und Antisemitismus geprägt. „Unsere Wohnung, bestückt mit einem Spionoberst in Reserve mit Pensionsschock, ist zudem ein fruchtbarer Boden für absurdeste Meldungen an die Ämter.“ Unter solchen Bedingungen bietet nur die Großfamilie die nötige Sicherheit, denn, wie die Großmutter sagt, „die Welt ist vergänglich, unsere Familie nicht.“ Und hinter der realen Fassade lautert der „Spaltkopf“, ein düsteres Fabelwesen, von dem die Mutter erzählt, um das Kind zu ängstigen und zu disziplinieren. Es ernährt sich „von den Gedanken und Gefühlen anderer … ein privates Ungeheuer, auf die Familie angesetzt, maßgeschneidert.“ Im „freien“ Westen jedoch lassen sich überkommene Regeln nicht mehr so leicht aufrecht erhalten. Die Ehe der Eltern geht in Brüche, der Vater kehrt nach Russland zurück. Mischkas Welt ist „zersplittert“. Sie versucht, die „Spiegelstückchen zusammen zu fügen“ und „scheitert unentwegt aufs Neue.“ Der Weg zu sich selbst führt über Drogen, Analysen und scheiternde Beziehungen. Erst als sie selbst Mutter einer Tochter wird, findet sie Halt im Leben: „Die Angst, ich könnte verschwinden wie ein Stein im Wasser, verlässt mich.“ Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion besucht Mischka das erste Mal seit der Emigration ihre Geburtsstadt Leningrad. Die Beschreibung dieser Reise mit ihren grotesken Verwandtenbesuchen, Fressorgien und Reminiszenzen schwankt zwischen Wehmut, Witz und Entsetzen und ist literarisch mit Abstand das Beste, was dieser Roman zu bieten hat.
VLADIMIR VERTLIB         

Julya Rabinowich
Spaltkopf
Roman. 187 Seiten, brosch., € 12,- (edition exil, Wien 2008)
Rezension erschienen in „spectrum“ (presse)